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Der Diwan des Moses ibn Esra Wilfried Jochens & Johannes Monno
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Seine Zeitgenossen nannten ihn voller Bewunderung „The English Orpheus“ – John Dowland, dessen fünf Liederbücher zu den Glanzpunkten der Liedkunst zählen. Äußerst raffinierte und zuweilen mehrdeutige Texte werden in höchster Vollendung in Melodien umgesetzt - der natürliche Sprachduktus ist dabei kunstvoll gewahrt. Auf engstem Raum wechseln Emotionen und Farben: Ausbrüchen von Freude und Zuversicht steht lähmende Resignation gegenüber, Verzweiflung und Erschütterung verbinden sich mit Trauer und Stille.
Mit dem englischen Lautenlied des 17. Jahrhunderts erreichte ein traditionsreiches Genre eine neue Dimension. Lieder mit Lauten- und später mit Gitarrenbegleitung sind bereits ab 1536 aus Italien und Spanien überliefert, doch bei Dowland und seinen englischen Kollegen im 17. Jahrhundert löst sich das Instrument von der reinen Begleitfunktion und wendet sich imitatorisch, sequenzierend und ausdeutend dem Gesang zu. Laute und Gitarre haben als Begleitinstrumente ganz besondere Vorzüge: Sie können dem Kolorit des Sängers angepasst werden und verfügen über eine sensible Dynamik. Nicht zu unterschätzen ist der dichte und unmittelbare Kontakt zwischen Sänger und Spieler. Und schließlich kann man – dies war und ist nicht zu unterschätzen – das Instrument überall mit hinnehmen. Auch im 20. Jahrhundert entstanden Werke für diese Besetzung. Das kongeniale musikalische Zusammenwirken des Sängers Peter Pears und des Gitarristen Julian Breams in den 1960er Jahren inspirierte mehrere Komponisten zu Liedzyklen – darunter auch Benjamin Britten. Seinem Werk SONGS FROM THE CHINESE liegt eine Auswahl höchst feinsinniger und philosophischer Texte des 8. Jahrhunderts zugrunde. Mit der Vertonung dieser chinesischen Texte knüpft Britten formal an das englische Lautenlied an, wobei er eine ganz eigene spannungsgeladene und subtile Klangwelt gestaltet. Wehmütig wird der Niedergang der Laute besungen, jenes zarten, ja fast zerbrechlichen Instruments, das von der kräftigen und durchdringenden Bambusflöte verdrängt wird. Verwandte Schicksale treffen sich in den Liedern, die Mario Castelnuovo-Tedesco 1966 zu Texten von Moses Ibn Esra komponierte – geschrieben 800 Jahre zuvor. Der DIWAN DES MOSES IBN ESRA entführt den Hörer in das 12. Jahrhundert Andalusiens, in ein blühendes Land mit reicher Kultur und kunstvoller Architektur. Drei Jahrhunderte geglückter Koexistenz von Mauren, Juden und Christen haben dem Land Wohlstand und Frieden beschert. In dieses Glück wird Moses ibn Esra geboren. Aus wohlhabender und gebildeter Familie stammend, wendet er sich früh der Literatur zu. Dunkle Wolken ziehen mit der Einnahme Granadas durch die Almohaden im Jahre 1090 im Leben Moses ibn Esras auf. Seine Familie kommt um oder wird in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Zwar gelingt ihm die Flucht, doch sind die folgenden Jahre geprägt von Unglück und bitterer Verzweiflung. Seiner Wurzeln beraubt, zieht er müde und erschöpft umher; vergeblich sind seine Versuche, sich in das einfache Leben seiner jüdischen Glaubensgenossen zu integrieren. Der DIWAN stellt die Essenz seines Lebens dar. In wundervollen Bildern beleuchtet er Heimat und Entwurzelung, Liebe und Freundschaft und schließlich den Übergang in die andere Welt. Was bewegt einen Komponisten wie Mario Castelnuovo-Tedesco, diese Texte zu vertonen? Vielleicht sind es die jungen Jahre als genialer jüdischer Pianist und Komponist, in denen er die leidvolle Erfahrung von Unterdrückung und Emigration machen muss. Unter der Schreckensherrschaft von Mussolini sind ihm sämtliche künstlerischen Aktivitäten untersagt; nur unter großem persönlichem Einsatz von Freunden und Gönnern gelingt es, das Land zu verlassen. Trotz großer Erfolge als Komponist und Pädagoge wird er nie den Verlust seiner Heimat verwinden. Vielleicht aber haben diese Worte und Gedanken in ihrer bedrückenden Aktualität – und dies nach 800 Jahren noch - seine Seele berührt und zum Schwingen gebracht. Eben dieses Schwingen spürt der Zuhörer - und kann sich auf die Reise in eine längst vergangene Epoche begeben.
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